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ASL-Literatur
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Literatur in American Sign Language (ASL-Literatur) ist eine der wichtigsten gemeinsamen kulturellen Erfahrungen der amerikanischen Gehörlosencommunity. Literarische Genres entwickelten sich ursprĂŒnglich in Wohnheimen fĂŒr Gehörlose, wie der American School for the Deaf (ASD) in Hartford,cite-ref-bahan2006-1-0[1] wo sich die American Sign Language (ASL, Amerikanische GebĂ€rdensprache) im frĂŒhen 19. Jahrhundert als Sprache entwickelte.cite-ref-23-2-0[2] Es gibt viele Genres der ASL-Literatur, wie ErzĂ€hlungen persönlicher Erlebnisse, Gedichte, Kinogeschichten, VolksmĂ€rchen, Übersetzungen, Originalromane und Geschichten mit eingeschrĂ€nkten Handformen.cite-ref-bahan2006-1-1[1] Autoren von ASL-Literatur verwenden ihren Körper als Text ihrer Werke, die von ihrem Publikum, den Zuschauern, visuell gelesen und verstanden werden.cite-ref-5-3-0[3] In der FrĂŒhphase der Entwicklung von ASL-Literaturgenres wurden die Werke im Allgemeinen nicht wie geschriebene Texte analysiert, aber die zunehmende Verbreitung von ASL-Literatur auf Video hat zu einer grĂŒndlicheren Analyse dieser Genres gefĂŒhrt.cite-ref-4-4-0[4]

Viele kulturelle Gemeinschaften entwickeln ihre eigenen Volkstraditionen, und die Gehörlosengemeinschaft bildet hier keine Ausnahme. Solche Traditionen tragen dazu bei, die kulturelle IdentitĂ€t der Gruppe zu festigen, und helfen, jeder nachfolgenden Generation die gemeinsamen kulturellen Werte der Gemeinschaft zu vermitteln.cite-ref-6[5.1] Susan Rutherford weist darauf hin, dass diese Art gemeinsamer Geschichten besonders wichtig fĂŒr Minderheitengemeinschaften sind, die wie die Gehörlosengemeinschaft UnterdrĂŒckung durch die Mehrheitskultur erfahren haben. Durch Folklore und andere Formen des GeschichtenerzĂ€hlens kann die Gehörlosengemeinschaft ihre kulturelle IdentitĂ€t sowohl etablieren als auch bekrĂ€ftigen, sodass ihre Mitglieder ihr Selbstbewusstsein entwickeln können.cite-ref-7[5.2] In der ASL-Literatur werden hĂ€ufig Erfahrungen betont, die in der Gehörlosengemeinschaft ĂŒblich sind, sowohl in Bezug auf ihre GehörlosenidentitĂ€t als auch auf ihren Status als Minderheitengruppe.cite-ref-4-4-1[4]

Contents

‱ Merkmale
‱ Genres
‱ Poesie
‱ Folklore
‱ Literatur
‱ Weblinks

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UrsprĂŒnge und Geschichte

Einfluss von Gehörloseninstituten auf die ASL-Literatur

Die ASL ist die gemeinsame Sprache der Gehörlosen- und Schwerhörigengemeinschaft in Nordamerika. Die Mitgliedschaft in dieser Gemeinschaft basiert in erster Linie auf gemeinsamen kulturellen Werten, einschließlich einer gemeinsamen GebĂ€rdensprache. Personen, die körperlich taub oder schwerhörig sind, aber nicht dieselbe Sprache und dieselben kulturellen Werte teilen, gelten nicht als Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft.cite-ref-8[5.3] Etwa 95 % der gehörlosen Kinder werden von hörenden Eltern geboren, die mit der Gehörlosengemeinschaft nicht vertraut sind. Deshalb kommen gehörlose Kinder in ihrem hĂ€uslichen Umfeld oft nicht mit der Kultur und den Traditionen der Gehörlosengemeinschaft in BerĂŒhrung.cite-ref-10[6.1] Schulen fĂŒr gehörlose Kinder, sogenannte Gehörloseninstitute, sind typischerweise das Umfeld, in dem gehörlose Kinder in die Kultur ihrer Gemeinschaft eingefĂŒhrt werden, einschließlich der ASL-Literatur.cite-ref-11[5.4]

Das erste Institut dieser Art, die American School for the Deaf (ASD) in Hartford, wurde 1817 von Thomas Gallaudet und Laurent Clerc gegrĂŒndet (damals hieß sie American Asylum for the Education of the Deaf and Dumb).cite-ref-12[2.1] Da die ASD als Internat gegrĂŒndet wurde, grĂŒndeten die dort lebenden gehörlosen SchĂŒler eine neue sprachliche Gemeinschaft, da sich lokale, regionale GebĂ€rdensprachen aus dem ganzen Land mit der von Clerc unterrichteten Langue des signes française vermischten und zur Entwicklung von ASL als eigenstĂ€ndige Sprache fĂŒhrten.cite-ref-13[5.5] Die Gemeinschaft, die sich an der ASD bildete, war eine so erfolgreiche intellektuelle Gemeinschaft, dass im ganzen Land weitere Institute fĂŒr Gehörlose eröffnet wurden, wo es eine ausreichend große gehörlose Bevölkerung gab.cite-ref-12-1[2.1] Dadurch konnte die Gehörlosengemeinschaft ihre eigene Subkultur aufbauen, die sich von der Mainstream-Hörkultur absetzte, und sich als sprachliche Minderheit entwickeln.cite-ref-14[5.6]

Der Anstieg der Zahl der Gehörloseninstitute im ganzen Land fĂŒhrte zu einer grĂ¶ĂŸeren Zahl gebildeter und alphabetisierter Gehörloser.cite-ref-15[2.2] Dies fĂŒhrte zur Entwicklung von ASL-ErzĂ€hltraditionen in Gehörloseninstituten.cite-ref-16[1.1] In den AnfĂ€ngen der Gehörlosenausbildung war ASL noch nicht als voll entwickelte Sprache anerkannt und wurde daher nicht als geeignete Sprache fĂŒr literarische Kompositionen betrachtet. Dies fĂŒhrte dazu, dass viele Gehörlose ihre Werke in geschriebenem Englisch verfassten, was zu dieser Zeit die Hauptunterrichtssprache war. Gleichzeitig begannen sich ASL-Literaturformen zu entwickeln, als die Gehörlosengemeinschaft begann, sich gegenseitig Geschichten in ihrer eigenen Umgangssprache zu erzĂ€hlen. Dazu gehören Werke, die aus dem Englischen in ASL ĂŒbersetzt wurden, sowie OriginalerzĂ€hlungen.cite-ref-18[7.1] ASL-Geschichten verbreiteten sich in verschiedenen Regionen Amerikas, wenn sich verschiedene Gehörloseninstitute zu Veranstaltungen wie Sportveranstaltungen trafen. Dieser Prozess ermöglicht angehenden GeschichtenerzĂ€hlern, ihr Handwerk vor neuem Publikum auszuprobieren. Nach ihrer Schulzeit können sich Gehörlosengemeinschaftsmitglieder aus verschiedenen Schulen bei Versammlungen der Gehörlosengemeinschaft wiedersehen, bei denen GeschichtenerzĂ€hler ihre Geschichten vortragen können.cite-ref-16-1[1.1]

FrĂŒheste Filmaufnahmen der ASL-Literatur

Trotz des Erfolgs der Gehörlosenausbildung in der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts kam es in den 1860er Jahren zu einem Wandel im Bildungssystem, als die hörende Gemeinschaft begann, die oralen/mĂŒndlichen Unterrichtsmethode fĂŒr gehörlose SchĂŒler einzufĂŒhren, die auf einem ausschließlich auf Sprache basierenden Bildungsansatz basierte und ASL im Klassenzimmer nicht zuließ. Man glaubte damals vor allem, dass Gehörlose sich so leichter in die Gesellschaft integrieren könnten.cite-ref-19[5.7] 1880 fand in Mailand eine Konferenz statt, bei der PĂ€dagogen die endgĂŒltige Entscheidung trafen, dass (Laut-)Sprache die primĂ€re Unterrichtsmethode im Klassenzimmer sein sollte. Von da an bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden gehörlose SchĂŒler bestraft, um die Kommunikation durch GebĂ€rden zu verhindern.cite-ref-20[5.8] Obwohl ASL in der Gehörlosenbildung verboten wurde, war es in SchlafsĂ€len, auf SpielplĂ€tzen und in gehörlosen Familien weiterhin ein ĂŒbliches Kommunikationsmittel.cite-ref-21[5.9] Nach EinfĂŒhrung der oralen Methode drehte die National Association of the Deaf (NAD) von 1913 bis 1920 ein Filmprojekt, aus Angst, dass ASL nicht ĂŒberleben wĂŒrde. George Veditz beaufsichtigte das Projektcite-ref-23[8.1] und drehte den ersten Film, The Preservation of the Sign Language. Ziel des Projekts war, die Worte gehörloser Personen mit einem starken GefĂŒhl einer eigenen kulturellen GehörlosenidentitĂ€t aufzuzeichnen und zu bewahren.cite-ref-24[5.10] Die Filmaufnahmen beinhalteten VortrĂ€ge, Gedichte, Geschichten und Lieder, die alle zu den literarischen Genres der ASL gehören. Einer der dokumentierten GeschichtenerzĂ€hler, John B. Hotchkiss, filmte eine Reihe von Geschichten mit dem Titel Memories of Old Hartfordcite-ref-25[9] ĂŒber seine Zeit als Student an der ASD in den 1860er Jahren. Aus seinen aufgezeichneten Erinnerungen wissen wir, dass ASL-GeschichtenerzĂ€hler und damit zumindest einige moderne ASL-Literaturgenres mindestens bis in die 1860er Jahre zurĂŒckreichen.cite-ref-26[1.2]

Einfluss der Gehörlosengemeinschaft auf die ASL-Literatur

WĂ€hrend sich die Gehörlosengemeinschaft in Gehörloseninstituten, -familien und -clubs entwickelte, wurden die kulturellen Traditionen und Geschichten der Gemeinschaft von einer Generation an die nĂ€chste weitergegeben, und zwar in einer Art „mĂŒndlicher“ Überlieferung gesprochener Sprachen. In diesem Kontext bezieht sich „mĂŒndlich“ auf die Weitergabe von Kultur durch Interaktion mit anderen Mitgliedern einer kulturellen Gemeinschaft.cite-ref-27[1.3] Folklore und ErzĂ€hltraditionen sind Teil der kulturellen Interaktion, die in der Gehörlosengemeinschaft von Person zu Person weitergegeben wird.cite-ref-27-1[1.3] Auch ein offener Informationsaustausch wird sehr geschĂ€tzt, da Gehörlose Informationen nicht so zufĂ€llig mithören können wie Hörende. GeschichtenerzĂ€hler werden daher neben ihrer FĂ€higkeit zum GeschichtenerzĂ€hlen auch aufgrund ihrer FĂ€higkeit zur Wissensvermittlung ausgewĂ€hlt.cite-ref-28[5.11] Personen, die von der Gemeinschaft als Darsteller anerkannt wurden, sind die, die Ben Bahan als „Smooth Signers“ bezeichnet. Er definiert sie als „jemand, der als SprachkĂŒnstler eine Geschichte so flĂŒssig weben kann, dass selbst komplexe Äußerungen einfach und doch schön erscheinen“.cite-ref-16-2[1.1] Diese GeschichtenerzĂ€hler vermitteln ihren gehörlosen Mitmenschen ein GemeinschaftsgefĂŒhl und tragen zur Aufrechterhaltung gemeinsamer kultureller Werte bei.cite-ref-29[1.4]

Große ZusammenkĂŒnfte der Gehörlosengemeinschaft sind in der modernen Gehörlosenkultur ĂŒblich, wie etwa Kongresse oder Festivals, und sie sind Voraussetzung fĂŒr die Entstehung von ASL-Literatur. Wenn sich die Gehörlosengemeinschaft in kleinen Gruppen trifft, ist dies nur sehr selten ein produktives Mittel zur Schaffung und Bewahrung von ASL-Literatur.cite-ref-30[7.2] Ein Beispiel fĂŒr eine erfolgreiche Zusammenkunft der Gehörlosengemeinschaft war „Deaf Way: Ein internationales Festival und eine Konferenz zur Sprache, Kultur und Geschichte der Gehörlosen“. Sie wurde vom 9. bis 14. Juli 1989 von der Gallaudet University ausgerichtet, umfasste mehr als 500 PrĂ€sentationen, Workshops, kĂŒnstlerische Veranstaltungen und Darbietungen und hatte ĂŒber 5.000 Teilnehmer aus insgesamt 76 LĂ€ndern, darunter auch den Vereinigten Staaten.cite-ref-31[7.3] ZusammenkĂŒnfte wie diese ermöglichen die Verbreitung von ASL-Literatur und die „mĂŒndliche“ Verbreitung neuer Werke. Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft verlassen das Festival hĂ€ufig und teilen die neuen Werke mit ihren eigenen Freunden und ihrer Familie. Jede geteilte Version eines Werks kann sich leicht vom Original unterscheiden, was dazu fĂŒhrt, dass mehrere Versionen der Geschichten in der Gemeinschaft weitergegeben werden.cite-ref-32[7.4] Es ist ĂŒblich, dass Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft sich in ihrem Alltag außerhalb großer Festivalversammlungen treffen und ihre eigenen persönlichen ErzĂ€hlungen und traditionellen oder populĂ€ren ASL-Geschichten teilen und verbreiten.cite-ref-33[7.5]

Einfluss der Technologie auf die ASL-Literatur

Seit den ersten Aufnahmen von ASL-Literatur durch NAD im frĂŒhen 20. Jahrhundert haben Filmaufnahmen von ASL-Literatur die ErzĂ€hltradition beeinflusst.cite-ref-23-1[8.1] Eine der bemerkenswertesten VerĂ€nderungen durch den Film besteht darin, dass er sie statisch gemacht hat. Werden literarische Werke mĂŒndlich von Person zu Person weitergegeben, verĂ€ndern sie sich vielleicht bei jeder AuffĂŒhrung leicht, aber wenn sie auf Film aufgenommen werden, bleiben sie in ihrer ursprĂŒnglichen Form eingefroren.cite-ref-34[8.2] Dies hat zur Folge, dass sich die Darsteller vom Publikum distanzieren und die dynamische Interaktion zwischen beiden verloren geht.cite-ref-35[8.3] Andererseits ermöglicht diese Entwicklung dem Publikum, ein Werk der ASL-Literatur noch lange nach seiner AuffĂŒhrung anzusehen, sodass es weniger wahrscheinlich ist, dass es in der Geschichte verloren geht.cite-ref-36[8.4] Veditz, der das NAD-Filmprojekt von 1913 bis 1920 leitete, war teilweise motiviert durch seinen Wunsch, die GebĂ€rden verstorbener Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft sehen zu können und ASL in seiner Form des frĂŒhen 20. Jahrhunderts zu bewahren.cite-ref-37[8.5] Die Filmtechnologie hat die Reichweite der ASL-Literatur zu einem viel grĂ¶ĂŸeren Publikum erhöht. Jeder kann sich Werke in ASL ansehen, wann es ihm passt, unabhĂ€ngig vom geografischen Standort.cite-ref-38[8.6] Filme haben die ASL-Literatur auch auf andere Weise beeinflusst. Sie haben es Autoren beispielsweise ermöglicht, experimenteller zu sein,cite-ref-39[8.7] die Art und Weise beeinflusst, wie literarische Genres prĂ€sentiert werden,cite-ref-40[8.8] dem Publikum ermöglicht, ASL-Texte auf neue Weise zu analysieren,cite-ref-41[8.9] die ASL-Sprache in allen geografischen Regionen standardisiert,cite-ref-42[8.10] die ASL-Alphabetisierung gefördertcite-ref-43[8.11] und eine gemeinsame kulturelle IdentitĂ€t der Gehörlosen gefestigt.cite-ref-44[8.12]

Alphabetisierung

Historisch wurde unter Alphabetisierung die FĂ€higkeit zum Lesen oder Schreiben verstanden.cite-ref-46[10.1] Die Verbreitung von ASL-Literatur hat die Vorstellung in Frage gestellt, dass Sprachbenutzer nur in Sprachen lesen und schreiben können, die eine geschriebene Form haben.cite-ref-47[3.1] Dieses Konzept ist mit der Idee der MultiliteralitĂ€t verwandt, einem Begriff, der 1996 von der New London Group geprĂ€gt wurde und auf der Überzeugung basiert, dass Alphabetisierung eher durch soziale Konstrukte als durch schriftliche Darstellungen von Sprache entsteht.cite-ref-49[11.1] Sie waren der Ansicht, dass die traditionelle Definition von Alphabetisierung nicht lĂ€nger angemessen war, um die Arten von Alphabetisierung zu beschreiben, die in einer zunehmend globalisierten und technologisch fortgeschrittenen Gesellschaft immer mehr an Bedeutung gewannen. Die Art und Weise, wie Menschen Bedeutung schufen, basierte auf ihrer kulturellen Erziehung und war ganz anders als die der Menschen, mit denen sie interagierten.cite-ref-51[12.1] FĂŒr manche Gemeinschaften stellt eine visuelle Kommunikationsform Sprache dar und nicht die alphabetischen Darstellungen von Sprachen, die Alphabetisierung traditionell definiert haben.cite-ref-49-1[11.1] FĂŒr die amerikanische Gehörlosengemeinschaft bietet ASL eine Form der Alphabetisierung fĂŒr diejenigen, die keinen Zugang zu einer gesprochenen Sprache als ihrer Muttersprache haben. Wenn die Definition von Alphabetisierung darin besteht, gesprochene/geschriebene Sprachen zu begrenzen, dann wĂŒrden viele Gehörlose als Analphabeten gelten.cite-ref-53[13.1] Der Zugang zu GebĂ€rdensprachen ermöglicht es Gehörlosen, in alphabetisierte Gemeinschaften aufgenommen zu werden. Er ermöglicht die Übersetzung geschriebener Literatur in eine Sprache, die der Gehörlosengemeinschaft zugĂ€nglich ist, unterstĂŒtzt die Ausbildung gehörloser SchĂŒler, indem er ihnen hilft, gedruckte Texte zu lesen, und ermöglicht es Gehörlosen, ihre Kultur an die nĂ€chste Generation weiterzugeben.cite-ref-54[13.2]

Wenn die Definition von Lese- und SchreibfĂ€higkeit auf alle gebildeten Personen zutrifft, die ĂŒber Kenntnisse der sie umgebenden Welt verfĂŒgen, dann ist es möglich, jede Sprache lesen und schreiben zu können, unabhĂ€ngig davon, ob sie gesprochen oder in GebĂ€rdensprache gesprochen wird. Lese- und SchreibfĂ€higkeit ermöglicht es einem Menschen, Bedeutung aus Sprache abzuleiten und RĂŒckschlĂŒsse auf die ihn umgebende Welt zu ziehen.cite-ref-55[10.2] Mit der Entwicklung der Lese- und Schreibkompetenz entwickeln sich auch die kognitiven FĂ€higkeiten, sodass gebildete Personen beginnen können, aus der Sprache RĂŒckschlĂŒsse zu ziehen, indem sie ihr Wissen ĂŒber die Welt auf das Gesagte anwenden.cite-ref-56[10.3] ASL hat im Gegensatz zu gesprochenen Sprachen keine schriftliche Form, deshalb ist ein versierter GebĂ€rdensprachler erforderlich, um ein Werk der ASL-Literatur zu betrachten und ĂŒber die wörtliche Bedeutung des Werks hinauszugehen und eine tiefere Bedeutung zu vermitteln.cite-ref-57[10.4] Die FĂ€higkeit des ErzĂ€hlers, diese tiefere Bedeutung zu vermitteln, und die FĂ€higkeit des Publikums, eine tiefere Bedeutung in einem ASL-Text abzuleiten, erfordert ein hohes Maß an sprachlichen Fertigkeiten aller Beteiligten.cite-ref-58[10.5]

Mit dem Begriff der Alphabetisierung geht die Idee des „Textes“ einher, der historisch verwendet wurde, um Sprache in ihrer geschriebenen Form zu bezeichnen. ASL und andere GebĂ€rdensprachen haben keine schriftliche Form, daher wurde diese Definition von „Text“ erweitert, um jede gesprochene oder gebĂ€rdete Sprache einzuschließen, die zum Lesen oder erneuten Ansehen erhalten geblieben ist, wie etwa der Text einer gesprochenen Sprache oder der Videotext einer GebĂ€rdensprache. Jede auf Papier oder Video aufgezeichnete Sprache ermöglicht es ihren Betrachtern, ihren Inhalt und ihre Bedeutung zu analysieren, was selbst ein Akt der Alphabetisierung ist. Die kognitiven AlphabetisierungsfĂ€higkeiten, die ein Sprachbenutzer durch das Lesen und Analysieren eines Textes auf einer geschriebenen Seite entwickeln kann, können auch durch das Ansehen und Analysieren von auf Video aufgezeichneter ASL entwickelt werden. Der verbesserte Zugriff von ASL-Benutzern auf Videoinhalte im Internet fĂŒhrt zu einer Verbesserung ihrer FĂ€higkeit, ASL-Texte zu analysieren, und damit zu einem Anstieg der ASL-Alphabetisierung.cite-ref-59[10.6] Vor der Videoaufzeichnung von Werken in ASL war es nicht ĂŒblich, die Werke zu analysieren oder ernsthaft zu studieren. Dies hat sich jedoch mit der zunehmenden Verbreitung aufgezeichneter ASL-Texte geĂ€ndert.cite-ref-60[4.1]

Das Konzept der Multiliteracies kann in der Unterrichtspraxis umgesetzt werden, indem den SchĂŒlern nicht-traditionelle Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Unterrichtsmaterialien geboten werden, die auf ihrer IdentitĂ€t und ihren persönlichen BildungsbedĂŒrfnissen basieren.cite-ref-62[14.1] Im Rahmen der Gehörlosenbildung kann Videotechnologie nicht nur zur Verbreitung und Analyse von Werken der ASL-Literatur eingesetzt werden, sondern auch zur Verbesserung der Lese- und Schreibkompetenz im Unterricht, indem den SchĂŒlern visuelles Feedback zu ihrer eigenen Arbeit gegeben wird. Indem die SchĂŒler sich ein Video von sich selbst ansehen können, können sie ihre eigene Sprachgewandtheit entwickeln, indem sie sehen, welche ihrer poetischen oder narrativen Werke mehr oder weniger gelungen sind. Dieser Prozess ermöglicht es den SchĂŒlern, ihre eigenen kognitiven FĂ€higkeiten zu entwickeln und tiefergehende literarische Analysen ihrer eigenen Arbeit zu ergrĂŒnden.cite-ref-63[15]

Merkmale

Kinematographische Technik

Kinematografische Techniken können in jedem Genre des ASL-GeschichtenerzĂ€hlens auftauchen. Bernard Bragg war der erste gehörlose KĂŒnstler, der die Ähnlichkeiten zwischen der Grammatik von GebĂ€rdensprachen und Filmen bemerkte. Er meint, das Vokabular des Films sei dem der GebĂ€rdensprachen so Ă€hnlich, dass es zu ihrer Beschreibung und Analyse herangezogen werden sollte. Er weist darauf hin, dass GebĂ€rdensprachen nicht linear sind wie gesprochene/geschriebene Sprachen. Vielmehr schneiden sie zwischen verschiedenen Ansichten hin und her – Nahaufnahme, Normalansicht, Totale usw. –, so wie Filme zusammengeschnitten sind. Die GebĂ€rdensprecher ĂŒbernehmen die Rolle einer Filmkamera, lenken und variieren den Blickwinkel, den das Publikum erhĂ€lt.cite-ref-65[16.1] Das Mittel, mit dem ASL-KĂŒnstler die Illusion unterschiedlicher Kamerawinkel erzeugen können, sind die in der Sprache vorherrschenden Klassifikatoren, die verwendet werden, um Bewegung und Handlung, GrĂ¶ĂŸe und Form oder SeinszustĂ€nde von Personen und Objekten visuell darzustellen. Klassifikatoren ermöglichen es den GebĂ€rdenden, ihre HĂ€nde, ihren Körper und den GebĂ€rdenraum zu nutzen, um Szenen visuell zu definieren und den Maßstab dessen, was sie beschreiben, aus Entfernungen von mikroskopisch nah bis extrem weit zu verĂ€ndern.cite-ref-66[1.5]

Filme können anhand ihrer eigenen grammatikalischen Struktur analysiert werden. Die Anwendung derselben grammatikalischen Analyse auf ASL-Literaturgenres verleiht der Sprache also mehr Tiefe. Manny Hernandez, ein ASL-KĂŒnstler, plĂ€diert dafĂŒr, neben traditionellen linguistischen Analysen der ASL-Literatur ein filmisches Lexikon zu entwickeln. Er argumentiert, dass die auf geschriebene/gesprochene Sprachen angewandten Analysen nicht ausreichen, um das zu erfassen, was er die „visuell-rĂ€umlich-kinetischen Eigenschaften von GebĂ€rdensprachen“ nennt.cite-ref-67[16.2] Ähnlich wie Bragg weist er darauf hin, dass der GebĂ€rdensprachler das Sichtfeld wie eine Filmkamera steuert und auch die Verfolgung und Schwenkung ĂŒber Szenen hinweg durchfĂŒhrt. Einzelne Aufnahmen im Film sind in ihrer LĂ€nge und ihrem Blickwinkel flexibel und werden durch einen Schnittprozess zusammengefĂŒgt. Dasselbe gilt fĂŒr ASL-Literaturgenres, die zwischen verschiedenen Szenen und Charakteren hin- und herwechseln und Dialog und Handlung miteinander verweben.cite-ref-68[16.3]

Klassifikatorgeschichten sind ein Beispiel fĂŒr ein Genre, das filmische Techniken des ASL-GeschichtenerzĂ€hlens verwendet. Durch die Verwendung der verschiedenen Arten von Klassifikatoren integrieren sie auf natĂŒrliche Weise filmische Techniken, indem sie Objekte und Handlungen in unterschiedlichen GrĂ¶ĂŸen zeigen. WĂ€hrend filmische Techniken auf jedes ASL-Genre angewendet werden können, gibt es ein Genre, das speziell diesen Techniken gewidmet ist: die sogenannten Cinematic Stories, bei denen es sich hĂ€ufig um gebĂ€rdete Nachbildungen von Filmszenen handelt.cite-ref-66-1[1.5] Zwei Stile von Cinematic Stories sind entweder „Live-Action“ oder „Animation“. Manny Hernandez‘ Geschichte „Durassic Park“, die Szenen aus Jurassic Park mithilfe filmischer Techniken darstellt, ist ein Beispiel fĂŒr den Live-Action-Stil. Der Animationsstil ist von Zeichentrickanimationen beeinflusst und verwendet Klassifikatoren, um Ereignisse wie das Herausspringen der Augen aus dem Kopf zu beschreiben. Dies wird hĂ€ufig bei Personifizierungstechniken eingesetzt, bei denen GebĂ€rdensprachdolmetscher einen Teil ihres Körpers verwenden, um ein Objekt zum Leben zu erwecken und seine Emotionen zu zeigen.cite-ref-69[1.6]

Beispiele fĂŒr filmische Mittel

‱ Kamerawinkel wie z. B. gerade Aufnahme oder Aufnahme auf Augenhöhe: Die unterschreibende Person blickt nach vorne und unterschreibt, als wĂŒrde eine Kamera auf Augenhöhe des Unterschreibenden filmen.
‱ Schnitte wie Rollenwechsel zur Darstellung von Dialogen: Wird normalerweise verwendet, um Unterschiede zwischen den Charakteren in Geschichten darzustellen oder um von Szene zu Szene zu wechseln. Der GebĂ€rdende kann seinen Körper von links nach rechts bewegen, um diesen Wechsel im Dialog darzustellen.
‱ Weitaufnahmen oder AufnahmegrĂ¶ĂŸen wie Nahaufnahmen: Werden verwendet, um AbstĂ€nde zwischen Objekten oder Charakteren in einer Geschichte festzulegen. Schilder können von der Einrahmung eines ganzen Ortes zu einem bestimmten Ort oder Objekt innerhalb dieses Ortes wechseln.
‱ Mobiles Framing oder Following Shot: Imitiert die Bewegung von Kameras im Film. Dies hilft dabei, das Tempo festzulegen, mit dem sich Objekte oder Personen in der Geschichte bewegen. Diese Technik kann auch verwendet werden, um bestimmte Szenen in einer Geschichte hervorzuheben, beispielsweise durch die Verwendung von Zeitlupe zur Darstellung einer Handlung.
‱ Objektivzoom: Ähnlich wie beim Objektivzoom im Film bewegen sich die HĂ€nde nach vorne oder vom Publikum weg, um zu zeigen, wie ein Objekt oder eine Person im Hinblick auf die Perspektive der Geschichte grĂ¶ĂŸer oder kleiner wird.cite-ref-70[17]

Visual Vernacular

Visual Vernacular (VV, Visuelle Umgangssprache) ist eine von Bernard Bragg entwickelte Form der ASL-Darbietung, die stark auf filmischen Techniken aufbaut. Er wĂ€hlte den Namen, weil die Umgangssprache des filmischen GeschichtenerzĂ€hlens verwendet wird.cite-ref-67-1[16.2] Visual Vernacular ist eine ausdrucksstarke und kĂŒnstlerische Form des GeschichtenerzĂ€hlens in GebĂ€rdensprache. Der GeschichtenerzĂ€hler verwendet visuelle Techniken wie Rollenwechsel, Mimik und Pantomime, um eine Geschichte auf visuell ausdrucksstarke Weise zu erzĂ€hlen. Die Verwendung ikonischer Zeichen oder Zeichen, die so aussehen, wie das, was sie darstellen, in Kombination mit Rollenwechsel und anderen Techniken des Visual Vernacular ermöglicht es, Geschichten universell zu verstehen. Selbst wenn die Geschichte von einem GebĂ€rdensprachler erzĂ€hlt wird, könnte diese Geschichte theoretisch von Zuschauern verstanden werden, die internationale GebĂ€rdensprachen verwenden, und sogar von Hörenden, die keine GebĂ€rdensprache verstehen.cite-ref-10-71-0[18] Anstatt einfach eine Geschichte zu erzĂ€hlen, verwendet ein GebĂ€rdenkĂŒnstler Visual Vernacular, um durch Rollenwechsel und Pantomimetechniken zur Geschichte zu werden und die Geschichte in den visuellen Raum zu ĂŒbertragen. Visual Vernacular ist ein wichtiges Werkzeug in der ASL-Literatur, insbesondere in Gedichten, die vor Publikum vorgetragen werden. Visual Vernacular wird verwendet, um die Szene im Gedicht darzustellen und sehr detaillierte visuelle Methoden zu verwenden, um dem Publikum mitzuteilen, was in dem Gedicht passiert. Es ist diese komplexe visuelle Natur der Poesie, die es oft unmöglich macht, sie direkt aus ASL ins Englische zu ĂŒbersetzen.cite-ref-72[7.6]

Personifikation

Bei der Personifizierung in der GebĂ€rdensprache wird das Körperteil des ErzĂ€hlers verwendet, um ein Objekt in der Geschichte darzustellen. Dadurch wird das Objekt in der Geschichte „lebendig“. Ein sehr hĂ€ufiges Beispiel fĂŒr die Personifizierung in GebĂ€rdensprachengeschichten ist die Verwendung des Kopfes des ErzĂ€hlers, um runde Objekte wie verschiedene Arten von BĂ€llen darzustellen. WĂ€hrend die Geschichte gespielt wird, ist der Kopf des ErzĂ€hlers der Ball, und der ErzĂ€hler kann Emotionen darstellen, die der Ball im Laufe der Geschichte empfinden kann, und so den Ball personifizieren. Dies geschieht hĂ€ufig im „Animationsstil“ der kinematografischen Technik.cite-ref-73[1.7]

Genres

Poesie

Die 1980er Jahre waren fĂŒr gehörlose Dichter eine Zeit der Innovation. Zu dieser Zeit begannen Dichter wie Ella Mae Lentz und Clayton Valli, Originalgedichte in ASL zu verfassen, im Gegensatz zu ASL-Übersetzungen englischer Literatur, die die vorangegangene Generation produziert hatte.cite-ref-39-1[8.7] Parallel dazu bildete sich im selben Jahrzehnt am National Technical Institute for the Deaf (NTID) in Rochester eine ASL-Poesieszene, die bis etwa 1991 bestand, als die Dichter getrennte Wege gingen.cite-ref-74[4.2] GemĂ€ĂŸ der Gemeinschaftstradition gehörloser GeschichtenerzĂ€hler ĂŒbten Ă€ltere, erfahrenere Dichter Einfluss auf die jĂŒngere Dichtergeneration aus, und alle Dichter tauschten offen Feedback untereinander aus. Im Laufe dieses Prozesses entwickelten sich gehörlose Dichter durch ihr eigenes natĂŒrliches Talent und ihren Austausch mit erfahreneren Dichtern weiter.cite-ref-75[4.3] Es gab auch einen wichtigen Gedankenaustausch zwischen hörenden Dichtern wie Allen Ginsberg und Jim Cohn sowie gehörlosen Dichtern aus der Gemeinde von Rochester.cite-ref-76[4.4] Einer der bemerkenswertesten Austausche fand statt, als der gehörlose Dichter Patrick Graybill wĂ€hrend eines Seminars im Jahr 1984 das Bild einer "hydrogen jukebox" („Wasserstoff-Jukebox“) aus Allen Ginsbergs Gedicht "Howl" nachspielte. Auf die Frage, warum er das Wort „Wasserstoff“ gewĂ€hlt habe, erklĂ€rte Ginsburg, er wolle die apokalyptische Bildsprache der Wasserstoffbombe als Metapher fĂŒr die Ankunft der Rock’n’Roll-Musik nutzen.cite-ref-74-1[4.2] Graybills visuelle Darstellung einer „Wasserstoff-Jukebox“ in ASL erweckte das Bild erfolgreich zum Leben, was Ginsberg mit den Worten seiner Beat-Poesie zu erreichen versuchte.cite-ref-77[3.2] Sutton-Spence stellt fest, dass die Energie der Dichter am NTID in den 1980er Jahren der Bildsprache von Ginsberg Ă€hnelte und sie ihre eigene „ASL Poetry Hydrogen Jukebox“ schufen.cite-ref-78[4.5]

Die Übersetzung von GebĂ€rdensprachlyrik in gesprochene oder geschriebene Sprache ist Ă€ußerst schwierig, da es unmöglich ist, die Bewegungen und GesichtsausdrĂŒcke sowie die vom Körper des Dichters erzĂ€hlte Geschichte in Worte zu fassen.cite-ref-79[19] In der GebĂ€rdensprache heißt es oft, dass Poesie durch den Körper des Dichters artikuliert wird und das Gedicht nicht einfach gebĂ€rdet, sondern vorgetragen wird.cite-ref-92-80-0[20] ASL-Dichter haben eine stĂ€rkere körperliche Verbindung zu ihrem Werk, da sie ihre Werke durch ihren Körper ausdrĂŒcken mĂŒssen. Der Dichter-Darsteller ist nie von seinen Schöpfungen getrennt, da er sich immer vor dem Publikum befindet, ob persönlich oder auf Video.cite-ref-82[21.1] Heidi M. Rose vergleicht ASL-Dichter mit PerformancekĂŒnstlern, in dem Sinne, dass beide kĂŒnstlerische Werke schaffen, die sich durch ihren Körper ausdrĂŒcken. Beide Genres sind oft autobiografisch und trennen die KĂŒnstler nicht von den Kunstwerken, die sie schaffen. In der Performancekunst haben KĂŒnstler und Publikum eine andere Beziehung zueinander als in anderen Kunstformen; KĂŒnstler treten auf und entwickeln ihr Selbstbewusstsein und das Publikum bekommt ein tieferes VerstĂ€ndnis fĂŒr den KĂŒnstler.cite-ref-83[21.2]

Cynthia Peters zieht einen Ă€hnlichen Vergleich zwischen ASL-Poesie und gesprochenen Traditionen der mĂŒndlichen Poesie. Gesprochene mĂŒndliche Poesie wird nicht einfach nur laut vorgelesen, sondern in einem Gemeinschaftsumfeld erlebt. Das Publikum kommt zusammen, um an einem Gruppenerlebnis teilzunehmen, und mĂŒndliche Dichter schaffen Werke, die ihr jeweiliges Publikum ansprechen und mit ihnen durch ihre Körper, AusdrĂŒcke und Requisiten in Verbindung treten.cite-ref-84[7.7] Ähnlich wie die von Rose diskutierten Performance-Kunstgenres ist die mĂŒndliche Poesie voller Aspekte, die vom Darsteller eingebracht werden und die nicht schriftlich vermittelt werden können. Jede Wiederholung des Gedichts unterscheidet sich von der letzten AuffĂŒhrung, und es ist unmöglich, eine maßgebliche Version zu definieren. Da ein mĂŒndlicher Dichter außerdem normalerweise ein Mitglied der Gemeinschaft ist, vor der er auffĂŒhrt, können andere Beobachter, denen das kulturelle Wissen der Gruppe fehlt, Nuancen ĂŒbersehen, die das Zielpublikum versteht. Peters stellt fest, dass mĂŒndliche Poesie in gesprochenen Sprachen immer seltener wird, aber aufgrund der ungeschriebenen Natur der ASL-Poesie und ihrer Tendenz, vor Publikum geschaffen und aufgefĂŒhrt zu werden, ist sie eine blĂŒhende mĂŒndliche Kunstform.cite-ref-85[7.8] In Bezug auf ASL-Poesie wirft dies die schwierige Frage der Urheberschaft auf und wie sich ein anderer Interpret zu einem Werk verhĂ€lt, das ursprĂŒnglich vom Körper einer anderen Person aufgefĂŒhrt wurde. Der Interpret muss jede nuancierte Bewegung des ursprĂŒnglichen Autors verstehen und seine eigene Interpretation entwickeln.cite-ref-86[21.3] Rose stellt fest, dass ASL-KĂŒnstler eine grĂ¶ĂŸere kĂŒnstlerische AutoritĂ€t ĂŒber ihre eigenen Werke haben als KĂŒnstler anderer Genres, und selbst wenn andere KĂŒnstler ASL-Gedichte vortragen, steckt immer noch ein Element des ursprĂŒnglichen Autors im StĂŒck.cite-ref-87[21.4]

GebĂ€rdensprachlyrik unterscheidet sich erheblich von Lyrik fĂŒr gesprochene Sprachen, verwendet aber einige parallele Techniken. So ist beispielsweise die Alliteration von Konsonantenlauten in der Lyrik fĂŒr gesprochene Sprachen oft wichtig, aber eine Form der Alliteration, die Wiederholung von Handformen und anderen Merkmalen, wird auch in der GebĂ€rdenlyrik parallel als kĂŒnstlerisches Merkmal geschĂ€tzt.cite-ref-88[22]

Einige bekannte gehörlose Dichter sind Clayton Valli, Ella Mae Lentz und Patrick Graybill,cite-ref-89[23] die alle in der Videoreihe Poetry in Motion: Original Works in ASL von 1990 zu sehen sind.cite-ref-90[7.9] In den frĂŒhen 1990er Jahren war Clayton Valli der erste, der sich mit ASL-Poesie beschĂ€ftigte. Er wollte herausfinden, wie man in ASL-Poesie eine „Zeile“ definiert, genauso wie man es in einer gesprochenen/geschriebenen poetischen Gattung tun wĂŒrde.cite-ref-91[16.4] Er begann mit dem Studium der phonetischen Merkmale von ASL wie Handform, Bewegung, HandflĂ€chenausrichtung und nichtmanuellen Markierungen, um festzustellen, ob ASL-Poesie sich so reimen kann wie gesprochene Sprachen. Da ASL ĂŒber mehrere phonologische Merkmale verfĂŒgt, die gleichzeitig auftreten, können sich ASL-GebĂ€rden auf mehrere Arten gleichzeitig reimen, was bei gesprochenen Sprachen nicht möglich ist. So werden beispielsweise in Vallis Gedicht „Snowflake“ fĂŒr die GebĂ€rden fĂŒr LEAVES-FALL und GRASS-WITHER beide AusdrĂŒcke mit zwei HĂ€nden in der 5-Hand verwendet, die sich mit gerunzelter Stirn nach unten bewegen, wodurch drei gleichzeitige Reime entstehen.cite-ref-92[16.5] Bauman hat versucht, andere Merkmale zur Definition des Konzepts „Linie“ in ASL-Poesie zu finden, anstatt sich auf phonologische ZeilenumbrĂŒche zu konzentrieren, die die Analyse von ASL-Poesie auf die gleiche Weise wie die von gesprochenen Sprachen beschrĂ€nken. Er weist darauf hin, dass die visuelle und kinetische Natur von ASL es ermöglicht, „Linie“ hinsichtlich der Bewegungen des Körpers durch den Raum zu analysieren, sodass „Linie“ nicht lĂ€nger auf eine strikte Richtung von links nach rechts beschrĂ€nkt ist.cite-ref-93[16.6] Er wendet die Definition von Linie im Oxford English Dictionary, „eine Richtung und ein Verlauf einer Bewegung“, direkt darauf an, wie man die visuelle Linie in ASL-Poesie analysieren könnte.cite-ref-94[16.7] Seine Analysemethode untersucht, wie kinematografische Techniken und visuelle Umgangssprache in die Struktur der ASL-Lyrik eingewoben sind, und verzichtet auf phonologische Analysemethoden, um zu definieren, wie gehörlose KĂŒnstler ihren GebĂ€rdenraum organisieren.cite-ref-67-2[16.2]

Folklore

Ben Bahan definiert Folklore (VolksmÀrchen) in ASL-Literatur als Geschichten, die seit langem in der Gemeinschaft existieren, ohne dass ihr Ursprung bekannt ist.cite-ref-92-80-1[20] Folklore hilft dabei, eine gemeinsame literarische Grundlage zu schaffen, die gehörlose Menschen vereint.

Susan Rutherford und Simon Carmel sind die bekanntesten Forscher der ASL-Folklore. Sie dokumentieren Geschichten, in denen Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft trotz Hindernissen, die sie daran hindern wĂŒrden, miteinander in Kontakt treten.cite-ref-bahan2006-1-2[1]

ErzÀhlungen persönlicher Erfahrungen

Persönliche Erlebnisse machen einen großen Teil der Geschichten aus, die von der Gehörlosengemeinschaft erzĂ€hlt werden. Diese persönlichen Erlebnisse werden oft erzĂ€hlt, um ein GefĂŒhl einer gemeinsamen Erfahrung zwischen den einzelnen Personen zu erzeugen und die individuelle Erfahrung des ErzĂ€hlers hervorzuheben. ErzĂ€hlungen persönlicher Erlebnisse ermöglichen auch die Kombination mehrerer Geschichten, was die Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft noch stĂ€rker miteinander verbindet.cite-ref-bahan2006-1-3[1]

Percussion Signing

Percussion Signing ist eine Art GebĂ€rdensprache, bei der zu einem bestimmten Takt mitgesungen wird, Ă€hnlich wie bei einem Lied in gesprochener Sprache.cite-ref-bahan2006-1-4[1] Trommeln sind ein allgemein bekanntes Schlaginstrument. Der Name Percussion Signing kommt daher, dass diese Art des GebĂ€rdens dem Takt einer Trommel in einem Lied Ă€hnelt. Percussion Signing-Lieder werden oft wie SprechgesĂ€nge oder Jubelrufe vorgetragen und sind in Gruppenkonstellationen ĂŒblich. Ein allgemein bekanntes Beispiel fĂŒr Percussion Signing ist beispielsweise der „Bison Song“, auch bekannt als das Kampflied der Gallaudet University.cite-ref-bahan2006-1-5[1] Diese Art des GebĂ€rdens hat ein einzigartiges und musikalisches Flair.

Handform-Geschichten

ABC-Stories (ABC-Geschichten) vermischen das alphabetische phonetische System der englischen Sprache mit den phonologischen Aspekten der ASL. Die Struktur der Geschichte wird durch die Strukturierung um das Alphabet herum festgelegt, um zu bestimmen, welche ASL-Handformen in der Geschichte verwendet werden sollen, und die Geschichte selbst wird in ASL vorgetragen.cite-ref-95[5.12] ABC-Geschichten werden immer in alphabetischer Reihenfolge vorgetragen, wobei jede nachfolgende Handform der Buchstabenfolge des Alphabets folgt.cite-ref-96[1.8] Beispielsweise kann die Handform „A“ jemanden darstellen, der an eine TĂŒr klopft, „B“ eine sich öffnende TĂŒr und „C“ jemanden, der im Zimmer herumsucht.cite-ref-97[1.9] Unter bestimmten UmstĂ€nden sind die Handformen „N“, „H“, „U“ und „V“ austauschbar, da sie alle mit einer zweifingrigen Handform gebildet werden. Dasselbe gilt fĂŒr die Handformen „M“ und „W“, die mit einer dreifingrigen Handform gebildet werden.cite-ref-98[5.13] Ebenso sind die Handformen „K“ und „P“ gleich, und dasselbe gilt fĂŒr die Handformen „U“, „H“ und „N“, wenn auch mit unterschiedlicher HandflĂ€chenausrichtung. ABC-Geschichten ermöglichen es den GebĂ€rdenden, sich hauptsĂ€chlich auf die Handform dieser Buchstaben zu konzentrieren, sodass sie sich beim ErzĂ€hlen der Geschichte keine Gedanken ĂŒber die HandflĂ€chenausrichtung machen mĂŒssen.cite-ref-99[1.10] Ben Bahan stellt fest, dass es mehrere gemeinsame Themen in ABC-Geschichten gibt,cite-ref-99-1[1.10] aber Susan Rutherford bemerkte, dass der Inhalt von ABC-Geschichten nicht ihr Hauptaugenmerk ist; vielmehr ist die Darbietungsfertigkeit des GebĂ€rdenden der wichtigste Aspekt.cite-ref-100[5.14] Das Genre wird gehörlosen Kindern normalerweise als junge Heranwachsende von Ă€lteren Gleichaltrigen oder Familienmitgliedern vorgestellt.cite-ref-101[5.15]

Number stories (Zahlengeschichten) Ă€hneln ABC-Geschichten, da sie in numerischer Reihenfolge erzĂ€hlt werden mĂŒssen, d. h. zuerst die Handform „1“, dann die Handform „2“ usw. Sie mĂŒssen so konstruiert werden, dass die Handformen der Zahlen nacheinander verwendet werden, um eine Geschichte zu erzĂ€hlen.cite-ref-97-1[1.9] Diese Geschichten sind ein wenig flexibler, da ihre LĂ€nge davon abhĂ€ngt, wie hoch der ErzĂ€hler zĂ€hlen möchte.

Plays on fingerspelled words (Spiele mit fingerbuchstabierten Wörtern) konstruieren eine Geschichte aus den Handformen, die die englischen Buchstaben eines gewĂ€hlten Wortes darstellen, wobei der Buchstabenfolge der Reihe nach gefolgt wird.cite-ref-97-2[1.9] Jeder der Buchstaben wird normalerweise verwendet, um ein charakteristisches Merkmal des gewĂ€hlten Wortes zu veranschaulichen, indem die Handformen mit ASL-GebĂ€rden und -Gesten vermischt werden.cite-ref-102[5.16] Susan Rutherford weist darauf hin, dass im Gegensatz zu ABC Stories der Inhalt von fingerbuchstabierten Wortgeschichten eine tiefere Bedeutung hat.cite-ref-103[5.17] Eine Variante dieses Genres verwendet die Buchstaben eines Wortes oder einer Phrase, um das Wort visuell darzustellen, anstatt Aspekte von ASL-GebĂ€rden zu verwenden. Zum Beispiel wird die Phrase FALLING LEAF in dem TheaterstĂŒck My Third Eye von hohen zu niedrigen Stellen im GebĂ€rdenraum gebĂ€rdet und jeder Buchstabe dreht und wendet sich, um ein zu Boden fallendes Blatt darzustellen.cite-ref-104[5.18]

Stories with handshape type constraints (Geschichten mit HandformtypbeschrĂ€nkungen) haben eine begrenztere Anzahl von Handformen. Der GeschichtenerzĂ€hler wĂ€hlt aus, welche Handformen in die Geschichte aufgenommen werden, und darf nur diese Handformen verwenden. Die Geschichte muss der ursprĂŒnglichen Absicht folgen, welche Handformen aufgenommen werden, und darf nur bei Bedarf und in angemessenem Rahmen davon abweichen. Innerhalb dieser BeschrĂ€nkungen muss eine zusammenhĂ€ngende Geschichte entstehen.cite-ref-105[1.11]

Übersetzte Werke und Originalliteratur

In ĂŒbersetzten Werken werden hĂ€ufig bekannte Geschichten aus der Printliteratur in die amerikanische GebĂ€rdensprache ĂŒbertragen. Dabei werden ihnen unbewusst Eigenschaften gehörloser Personen zugeschrieben oder die Protagonisten werden absichtlich als gehörlos und die Antagonisten als hörend dargestellt.cite-ref-bahan2006-1-6[1]

Mit der Entwicklung der Videoaufzeichnungstechnologie ist es möglich geworden, ASL-Originalliteratur leichter aufzufĂŒhren und zu bewahren als in der Vergangenheit. ASL-Literatur kann in Form von Kurzgeschichten, Romanen oder Novellen erscheinen.cite-ref-bahan2006-1-7[1]

Eine vollstĂ€ndige Übersetzung der Neuen-Welt-Übersetzung in ASL wurde von den Zeugen Jehovas erstellt.cite-ref-106[24] Sie kann online angesehen und als Satz von M4V-Dateien heruntergeladen werden. Sie ist auch in der JW Sign Language-Anwendung in App-Stores verfĂŒgbar.

Theatergruppen und AuffĂŒhrungen

National Theatre of the Deaf

Das National Theatre of the Deaf (NTD) wurde 1967 gegrĂŒndet.cite-ref-12-107-0[25] Vor dem NTD bestand das Gehörlosentheater aus drei kleinen Laientheatergruppen und lokalen Gehörlosenclubs, in denen Einzelpersonen Pantomimen auffĂŒhren, Gedichte vorlesen oder untertitelte Filme zeigen konnten.cite-ref-13-108-0[26] Der Welt der Gehörlosen fehlte eine Plattform, auf der sie sich ausdrĂŒcken und auftreten konnten. Die Idee fĂŒr das NTD kam von der Broadway-Produktion von The Miracle Worker, der Geschichte der blinden und tauben Helen Keller. Inspiriert durch die GebĂ€rdensprache auf der BĂŒhne tat sich die Schauspielerin Anne Bancroft, die in der Produktion von The Miracle Worker Anne Sullivan spielte, mit der Psychologin Edna Simon Levine zusammen, um das Gehörlosentheater auf die BĂŒhne zu bringen.cite-ref-13-108-1[26]

Das Leitbild des National Theatre for the Deaf lautet: „TheaterstĂŒcke von höchster QualitĂ€t zu prĂ€sentieren, in dem einzigartigen Stil, den wir durch die Verbindung von amerikanischer GebĂ€rdensprache und gesprochenem Wort geschaffen haben.“cite-ref-12-107-1[25] Das NTD ist eine Organisation, in der gehörlose, schwerhörige und sogar hörende Schauspieler, Schauspielerinnen und Dramatiker auftreten und trainieren können. Das National Theatre for the Deaf wurde zu einem „Katalysator fĂŒr den Wandel“,cite-ref-12-107-2[25] der den Wert und das Talent gehörloser Menschen und KĂŒnstler unter Beweis stellte und gleichzeitig die Schönheit der GebĂ€rdensprache auf der BĂŒhne zur Schau stellte. Viele der NTD-Produktionen werden gleichzeitig gesprochen und gebĂ€rdet, was gehörlosen Schauspielern ermöglicht, in ihrer natĂŒrlichen Kommunikationsweise aufzutreten und gleichzeitig hörende Zuschauer dazu ermutigt, diese Art von Theater zu erleben.cite-ref-109[7.10]

Deaf West Theatre

Das Deaf West Theatre wurde 1991 gegrĂŒndet.cite-ref-142-110-0[27] Es befindet sich in Los Angeles, Kalifornien, und wurde dort auch gegrĂŒndet.cite-ref-15-111-0[28] Das Deaf West Theatre bringt dem Publikum die Kultur der Gehörlosen und die GebĂ€rdensprache durch kĂŒnstlerische Mittel nĂ€her. Ziel ist es, die Welt der Gehörlosen und die Welt der Hörenden durch eine Leidenschaft fĂŒr die Theaterkunst zu verbinden.cite-ref-142-110-1[27] Da das Deaf West Theatre in Los Angeles ansĂ€ssig ist, bietet es speziell gehörlosen und schwerhörigen Menschen in der Gegend die Möglichkeit, professionelles Theater zu erleben und daran teilzunehmen, was sonst nicht möglich wĂ€re.cite-ref-15-111-1[28]

New York Deaf Theatre

Das New York Deaf Theatre (New Yorker Gehörlosentheater) wurde 1979 gegrĂŒndet.cite-ref-16-112-0[29] Gehörlose Schauspieler aus dem Raum New York City wollten die Möglichkeit haben, in amerikanischer GebĂ€rdensprache aufzutreten, was damals in ganz New York City nicht möglich war. Die Gruppe schloss sich zusammen und grĂŒndete das New York Deaf Theatre, das heute die am lĂ€ngsten bestehende gehörlose Theatergruppe in New York City ist.cite-ref-16-112-1[29]

Gemeinsame Themen

Themen, die in ASL-Literaturgenres hĂ€ufig vorkommen, spiegeln typischerweise die gemeinsamen Lebenserfahrungen der amerikanischen Gehörlosengemeinschaft wider. Todd Czubek und Janey Greenwald schlagen vor, dass der Leser eines ASL-Textes diese Themen erkennen und die Erfahrungen der Gehörlosengemeinschaft verstehen kann, wenn er eine sogenannte „Gehörlosenlinse“ zur Analyse von Literatur verwendet.cite-ref-113[6.2] Gehörlose Menschen werden hĂ€ufig von hörenden Eltern geboren und kommen daher in ihrem hĂ€uslichen Umfeld nicht mit der Gehörlosengemeinschaft und -kultur in BerĂŒhrung. Dies fĂŒhrt dazu, dass sich viele Gehörlose nicht darĂŒber im Klaren sind, dass sie einer Minderheitskultur angehören, es sei denn, sie besuchen ein Wohnheim fĂŒr Gehörlose, wo sie beginnen, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln und die BrĂ€uche und Werte der Gehörlosengemeinschaft kennenzulernen.cite-ref-114[6.3] Lehrer und Ă€ltere SchĂŒler erzĂ€hlen den jĂŒngeren oder neueren SchĂŒlern Geschichten, um ihnen dabei zu helfen, ihre GehörlosenidentitĂ€t zu entwickeln.cite-ref-115[6.4] Diese Erfahrung wird durch ein hĂ€ufiges Thema in der ASL-Literatur widergespiegelt: das „Nachhausekommen“.cite-ref-117[30.1] In diesen RĂ€umen finden Gehörlose andere wie sich selbst und grĂŒnden eine Familie fern von zu Hause, in der sie sich zugehörig fĂŒhlen. Einige Werke der ASL-Literatur betonen daher die Bedeutung der Schaffung eines solchen Zuhauses fern von zu Hause.cite-ref-118[30.2]

Ein Beispiel, das das Thema der Heimkehr darstellt, ist Clayton Vallis Gedicht „Cocoon Child“, in dem ein Kind zunĂ€chst ziellos umherirrt, dann die Augen schließt und seinen Körper verschließt, indem es sich zusammenrollt und die FĂ€uste ballt, um darzustellen, wie die Gehörlosengemeinschaft von der Welt abgeschnitten ist, und dann von anderen angesprochen wird, die dem Kind helfen, seinen „Kokon“ zu verlassen und sich zu verwandeln, indem es sich in die Welt entfaltet, was darstellt, dass es nun ein Selbstbewusstsein gewonnen hat.cite-ref-119[30.3] Ein weiteres Beispiel ist Debbie Rennies Gedicht „Black Hole: Colors ASL“. Es zeigt eine Person, die eine Leiter hinaufsteigt, in Ungewissheit darĂŒber, was sie zurĂŒcklassen wird. WĂ€hrend die Person weiterklettert, findet sie Farbdosen, in die sie ihre HĂ€nde taucht, was ihre Entdeckung und Verwendung von ASL darstellt. Eine andere Person schĂŒttelt den Fuß der Leiter, wodurch sie die Farbe verschĂŒttet und ein Erdloch erzeugt, in das die Leiter zu fallen beginnt. In diesem Moment wird der Person bewusst, dass sie nicht mehr in der Mainstream-Kultur leben möchte, und sie versucht mit allen Mitteln, in die neue Sprache und Kultur einzutauchen.cite-ref-120[30.4]

Eine weitere Wiederholung dieses Themas findet sich in dem Gedicht „To A Hearing Mother“ von Ella Mae Lentz. Dieses Werk ĂŒbernimmt die schwierige Aufgabe, der Mutter eines gehörlosen Kindes zu vermitteln, warum seine andere, ebenso wichtige Familie und sein Zuhause in der Gehörlosengemeinschaft sein werden.cite-ref-18-121-0[31]

Ein weiteres hĂ€ufiges Thema in der Literatur und Kultur der Gehörlosen ist die Idee, dass die Gemeinschaft „ins Licht kommt“, was mit der NĂ€he zusammenhĂ€ngt, die die Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft aufgrund eines gemeinsamen Kommunikationsmittels empfinden, wenn sie zusammen sind.cite-ref-122[7.11] Eine Produktion des National Theatre of the Deaf, My Third Eye, spielt mit dem Thema Licht. In einer Szene geht die Sonne ĂŒber dem Wasser auf, nachdem ein Hubschrauber eine Person aus einem heftigen Sturm auf See gerettet hat. Dies wird dadurch dargestellt, dass gehörlose Darsteller ihre HĂ€nde benutzen, um strahlende Sonnenstrahlen darzustellen. Das Zusammenkommen der Gehörlosengemeinschaft schafft Hoffnung und damit Licht.cite-ref-123[7.12] Ein weiteres hĂ€ufiges Thema der ASL-Literatur, das in My Third Eye angesprochen wird, ist der „Zwei-Welten-Zustand“, der sich mit der Position der gehörlosen Minderheitskultur innerhalb der hörenden Mehrheitskultur der Gesellschaft befasst.cite-ref-125[32.1] Einer der Charaktere erzĂ€hlt von seiner Ankunft in einem Wohnheim fĂŒr Gehörlose, einer unbekannten Umgebung, und wie er zum ersten Mal von seiner Mutter dort zurĂŒckgelassen wurde. Mit der Zeit beginnt er zu erkennen, dass die Menschen der Mehrheitskultur eine andere Sicht auf die RealitĂ€t und eine andere Lebensweise haben als die Minderheitskultur innerhalb des Instituts.cite-ref-126[32.2]

Eine andere traditionelle Geschichte, die in der Gehörlosengemeinschaft hĂ€ufig erzĂ€hlt wird, heißt Eyeth und kehrt diesen Zwei-Welten-Zustand um,cite-ref-127[30.5] sodass die Gehörlosenkultur die Mehrheit und die Hörenden die Minderheit bildet. In der von Sam Supalla nacherzĂ€hlten Version möchte ein gehörloser Junge ĂŒbers Wochenende nicht zu seiner hörenden Familie nach Hause fahren. Ein Lehrer erzĂ€hlt ihm von einem Planeten namens Eyeth, auf dem alle durch GebĂ€rdensprache kommunizieren. Als der Junge erwachsen wird, zieht er nach Eyeth und wird gehörloser Lehrer fĂŒr hörende Kinder. Eines Tages ist eine SchĂŒlerin verĂ€rgert, weil sie ĂŒbers Wochenende nicht zu ihrer gehörlosen Familie nach Hause fahren möchte. Also tröstet er sie, indem er ihr vom Planeten Erde erzĂ€hlt, auf dem die meisten Menschen hören und sprechend kommunizieren können. Die Geschichte spielt sowohl mit der Bedeutung der Identifikation mit einer gemeinsamen Kultur als auch mit den Wortspielen „ear-th“ und „eye-th“ fĂŒr den Planeten der Mehrheit der hörenden bzw. der Mehrheit der gebĂ€rdenden Kinder.cite-ref-128[3.3] Diese traditionelle Geschichte wird auch in einem von Aaron Kelestone am NTID geschriebenen TheaterstĂŒck mit dem Titel TALES from the Deaf Side erzĂ€hlt.cite-ref-129[33]

Eine traditionelle Geschichte, die die Bedeutung einer gemeinsamen GehörlosenidentitĂ€t betont, handelt von zwei Soldaten des BĂŒrgerkriegs, einem aus dem Norden und einem aus dem SĂŒden, die beide gehörlos waren. Als sie aufeinandertrafen, richteten sie ihre Waffen aufeinander, doch als sie merkten, dass sie beide gehörlos waren, legten sie ihre Waffen nieder und begannen zu plaudern.cite-ref-130[5.19] Diese Geschichte ist ein eindrucksvoller Beweis dafĂŒr, dass die gemeinsame GehörlosenidentitĂ€t der MĂ€nner alle anderen Verbindungen oder Allianzen, die sie mit der Außenwelt geknĂŒpft hatten, ĂŒbertraf.cite-ref-131[5.20] Die beiden gehörlosen Charaktere sehen nicht nur ein Spiegelbild ihrer selbst in dem anderen gehörlosen Charakter, sondern sie unterstĂŒtzen sich auch gegenseitig auf eine Art und Weise, die in Minderheitskulturen ĂŒblich ist.cite-ref-132[5.21]

Ben Bahans Geschichte „Bird of a Different Feather“ ist eine Allegorie auf die UnterdrĂŒckung, der manche gehörlose Kinder ausgesetzt sind, wenn sie in hörende Familien hineingeboren werdencite-ref-133[3.4] und verwendet auch das Bild der Abwesenheit von Licht.cite-ref-123-1[7.12] In der Geschichte wird ein Vogel mit geradem Schnabel in eine Adlerfamilie hineingeboren. WĂ€hrend der ganzen Geschichte versucht die Adlerfamilie, den Vogel mit dem geraden Schnabel so zu formen, dass er dazu passt, und schafft so eine Allegorie ĂŒber die Erfahrungen gehörloser Kinder, die in hörende Familien hineingeboren werden, die versuchen, sie der Kultur der Hörenden anzupassen.cite-ref-134[1.12] Die Adlereltern schicken den Vogel mit dem geraden Schnabel in eine Schule, wo er lernen soll, sich wie ein Adler zu benehmen, zum Beispiel JagdfĂ€higkeiten zu entwickeln, trotz der Unterschiede in seinen körperlichen Merkmalen. Sie ermutigen ihn sogar, sich einer Operation zu unterziehen, um seinen Schnabel in eine gekrĂŒmmte Form zu bringen, die eher dem eines Adlers Ă€hnelt.cite-ref-135[7.13] Das Ergebnis ist, dass der Vogel mit dem geraden Schnabel das GefĂŒhl hat, nicht in eine einzelne Vogelart zu passen, und allein in den Sonnenuntergang fliegt.cite-ref-123-2[7.12] ZusĂ€tzlich zu dem Spiel mit Bildern des „Mangels an Licht“ verwendet Bahan eine Tierfabel, in der Tiere vermenschlicht werden, um einen Punkt zu verdeutlichen, der in der Literatur von Minderheiten ĂŒblich ist. Die Allegorie bezieht sich auf die Erfahrung vieler Gehörloser, deren Eltern glauben, dass ihre Gehörlosigkeit geheilt werden muss, obwohl viele Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft anderer Meinung sind.cite-ref-136[7.14]

Sam Supallas For a Decent Living betont die Bedeutung der Gemeinschaft, indem es die Schwierigkeiten eines gehörlosen Mannes nachzeichnet, der versucht, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sein Triumph am Ende der Geschichte steht fĂŒr den Triumph der Gehörlosengemeinschaft.cite-ref-134-1[1.12] Zu Beginn der Geschichte verlĂ€sst der Mann sein Zuhause und trifft einen Ă€lteren Gehörlosen, der ihm von einem örtlichen Gehörlosenclub erzĂ€hlt und ihn in die Gemeinschaft einlĂ€dt. Nachdem die Gemeinschaft ihn als Mitglied der Gruppe akzeptiert hat, erzĂ€hlen sie ihm von einer örtlichen Fabrik, in der er Arbeit finden kann. Entgegen aller Erwartungen wird der Mann eingestellt und beeindruckt den Manager, was dazu fĂŒhrt, dass andere Mitglieder der Gehörlosengemeinschaft von der Fabrik eingestellt werden.cite-ref-137[7.15]

Literatur

‱ H-Dirksen Bauman, Jennifer L. Nelson, Heidi M. Rose (Hrsg.): Signing the Body Poetic: Essays on American Sign Language Literature. University of California Press, London 2006, JSTOR:10.1525/j.ctt1ppqdb (englisch).
‱ Cynthia L. Peters: Deaf American Literature: From Carnival to the Canon. Gallaudet University Press, Washington, D.C. 2000 (englisch).
‱ Susan Dell Rutherford: A Study of Deaf American Folklore. Linstock, Burtonsville, MD 1993, ISBN 978-0-932130-17-4 (englisch).

Weblinks

‱ 1991 National ASL Literature Conference Presentations by Clayton Valli and Peter Cook
‱ Gallaudet Department of Art, Communication, and Theatre
‱ ASLized!

Einzelnachweise

cite-note-bahan2006-11. ↑ Ben Bahan: Signing the Body Poetic: Essays on American Sign Language Literature. Hrsg.: H-Dirksen Bauman, Jennifer L. Nelson, Heidi M. Rose. University of California Press, London 2006, Face-to-Face Tradition in the American Deaf Community (englisch).
cite-note-23-22. ↑ Oliver Sacks: Seeing Voices: A Journey into the World of the Deaf. Vintage Books, New York 2000 (englisch).
cite-note-5-33. ↑ H-Dirksen L. Bauman, Jennifer L. Nelson, Heidi M. Rose: Signing the Body Poetic: Essays on American Sign Language Literature. Hrsg.: H-Dirksen L. Bauman, Jennifer L. Nelson, Heidi M. Rose. University of California Press, London 2006, Introduction (englisch).
cite-note-4-44. ↑ Rachel Sutton-Spence: The Heart of the Hydrogen Jukebox (review). In: American Annals of the Deaf. 11. Jahrgang, 2011 (englisch).
1. Susan Dell Rutherford: A Study of American Deaf Folklore. In: ProQuest Dissertations Publishing. 1987 (englisch).
2. Todd A. Czubek, Janey Greenwald: Understanding Harry Potter: Parallels to the Deaf World. In: Journal of Deaf Studies and Deaf Education. 10. Jahrgang, Nr. 4, 2005, S. 442–450, doi:10.1093/deafed/eni041, PMID 16000691 (englisch).
3. Cynthia L. Peters: Deaf American Literature: From Carnival to the Canon. Gallaudet University Press, Washington, D.C. 2000 (englisch).
4. Christopher B. Krentz: Signing the Body Poetic: Essays on American Sign Language Literature. Hrsg.: H-Dirksen Bauman, Jennifer L. Nelson, Heidi M. Rose. University of California Press, London 2006, The Camera As Printing Press: How Film Has Influenced ASL Literature (englisch).
cite-note-259. ↑ John B. Hotchkiss, auf heartdeaf.com, abgerufen am 18. November 2024
5. Marlon Kuntze: Open Your Eyes: Deaf Studies Talking. Hrsg.: H-Dirksen L. Bauman. University of Minnesota, Minneapolis 2008, Turning Literacy Inside Out (englisch).
6. Eugene F. Jr. Provenzo, Amanda Goodwin, Miriam Lipsky, Sheree Sharpe: Multiliteracies: Beyond Text and the Written Word. Hrsg.: Eugene F. Jr. Provenzo, Amanda Goodwin, Miriam Lipsky, Sheree Sharpe. Information Age Publishing, Charlotte, NC 2011, Introduction: Literacy for the 21st Century (englisch).
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